Liechtenstein beschäftigt sich zunehmend mit Defi-Regelungen. Protokolle zur Kenntnis nehmen. Thomas Dünser sprach mit dem Handelsblatt über den Regulierungsansatz Liechtensteins.

Dezentrales Finanzwesen (Defi) ist im Kommen. Es steht für dezentrale, meist Blockchain-basierte Anwendungen, die Finanzdienstleistungen und -produkte anbieten. Ein Beispiel ist die Kryptowährungskreditvergabe, bei der Kreditnehmer einen in Kryptowährungen denominierten Kredit erhalten und Sparer ihr Geld auf ein Krypto-Sparkonto einzahlen und dafür Zinsen erhalten können.

Was diese Defi-Anwendungen gemeinsam haben, ist, dass sie keinen zentralen Akteur mehr benötigen. Anstelle eines privaten Unternehmens wird ein Blockchain-basiertes Protokoll den gesamten Werteaustausch über intelligente Kontakte organisieren. Die Herausforderung für viele dieser Defi-Protokolle besteht darin, dass die aktuellen Gesetze und Vorschriften nicht mit Blick auf Defi geschrieben wurden und daher nicht geeignet sind, diese Ideen zu regeln.

Liechtenstein als Vorreiter

Deshalb versuchen nun europäische Länder, sich zu positionieren, wobei Liechtenstein einer der Vorreiter ist. Mit seinen knapp 40.000 Einwohnern ist Liechtenstein seit langem ein wichtiges Zentrum der Finanzindustrie im Herzen Europas. Schon früh hat sich die Regierung Gedanken gemacht, wie Kryptowährungen und andere auf der Blockchain-Technologie basierende Innovationen reguliert und genutzt werden können. Ein zentrales Thema sind dabei auch die neuen Entwicklungen im Defi-Ökosystem.

Im Jahr 2020 führte Liechtenstein ein neues Gesetz über digitale Token ein, das den Token als eigenständiges Rechtsobjekt einführt und eigene zivilrechtliche Regeln definiert. Es ermöglicht die Tokenisierung vieler traditioneller Vermögenswerte wie Unternehmensanteile, Kunst oder Immobilien, lässt aber auch Raum für andere neue Anwendungsfälle, wie etwa den DeFi-Sektor.

„Wir sind vorangegangen und haben als eines der ersten Länder weltweit wichtige Krypto-Anwendungen reguliert“, erklärt Thomas Dünser, Leiter des Amtes für Finanzmarktinnovation der liechtensteinischen Regierung, in einem Artikel im Handelsblatt. „Das Gesetz legt den Grundstein für die Token Economy. Wir wollten Rechtssicherheit für die Tokenisierung von Vermögenswerten, für Token-Nutzer und Token-Dienstleister schaffen.“ Zu den Token-Dienstleistern gehören Unternehmen, die bei der Einrichtung der Token helfen und den Handel und die Verwahrung übernehmen.

„Das Thema DeFi wird immer wichtiger“, sagt Dünser. „Dezentrale Finanzdienstleistungen und Organisationen werfen gesellschafts- und haftungsrechtliche Fragen auf. DeFi unterscheidet sich grundlegend von der bisherigen Denkweise im Finanzmarktrecht. Darauf müssen Politik und Aufsichtsbehörden reagieren.“

Ein Beispiel: Finanzaufsichtsbehörden arbeiten oft mit Unternehmen zusammen, um bei Streitigkeiten zwischen den beteiligten Parteien zu vermitteln. „Wer aber ist der zentrale Ansprechpartner in einer dezentralen Finanzanwendung?“, fragt Dünser. Hier müsse sich die Regulierung weiterentwickeln, sagt er.

Erste Erfolge

Das Gesetz ist bisher ein Erfolg. Allein im Jahr 2020 wurden 52 Kryptounternehmen durch das Amt für Finanzmarktinnovation dabei unterstützt, sich in Liechtenstein niederzulassen und ihr Geschäft aufzubauen. Zehn erhielten die neue Token-Registrierung durch die Finanzmarktaufsicht (FMA). 134 weitere zeigten Interesse an Liechtenstein.

Doch die Regulierung ist nicht nur ein Helfer, sondern kann auch eine Bedrohung für die Defi-Protokolle sein. „DeFi-Gründer sagen oft, dass mehr Regulierung für mehr Klarheit sorgen würde. In der Realität war die Regulierung bisher aber in vielen Fällen eine existenzielle Bedrohung für wirklich dezentrale Projekte“, sagt Kai Kuljurgis, Gründer der Krypto-Investmentplattform Coindex. „Ein Projekt, das konsequent die Prinzipien der DeFi-Idee verfolgt, versucht ja, das bisher zentral organisierte Finanzsystem neu und dezentral zu entwickeln.“

Dünser spricht das Thema an. „Wir müssen die Frage beantworten, wie die übergeordneten Ziele der Finanzmarktregulierung, etwa der Verbraucherschutz, in einem dezentralen System umgesetzt werden können“, sagt er.

Ein zukünftiger Ansatz sei die Anwendung von DeFi-Prinzipien bei der Aufsicht, um deren Effektivität zu erhöhen und die Kosten zu senken. „Vielleicht wird auch die Aufsicht bald dezentralisiert“, sagt Dünser. „Dann könnten regulatorische Entscheidungen zum Beispiel in Smart Contracts abgebildet werden.“ Was auch immer die Zukunft bringt, „Liechtenstein wird weiterhin an der Spitze der Entwicklungen stehen“, glaubt er.

Diese Botschaft wird in der Branche sehr ernst genommen. Liechtenstein sei ein „Pionier“ im DeFi-Bereich, bestätigt Kuljurgis. Das Fürstentum verfüge über vergleichsweise klare regulatorische Rahmenbedingungen, vielversprechende Start-up- und Geschäftsbedingungen sowie staatliche Förderprogramme. „Zudem ist der Zugang zum europäischen Markt vergleichsweise einfach.“

Bild: © Shutterstock